Warum Self-empowerment ≠ Selbsthilfe ist und über die Lüge der ‚New Age Spirituality‘

Kennst du ihn auch diesen Satz: Hilfe zur Selbsthilfe? Überall taucht er auf. In Buchhandlungen gibt es ganze Regale zum Thema Selbsthilfe. Hier noch ein Kurs, da noch ein Webinar – alle mit dem (unterschwelligen) Versprechen, dass du lernst wie du glücklicher und zufriedenerer wirst. Leider ist oftmals diese Selbsthilfe keine Große Hilfe sondern lediglich die Verleumdung der eigenen Emotionen, vor allem der negativen. Was positiv ist, darf bleiben, negatives raus bzw wird es in was positives transformiert- ja Ziel ist ja immer glücklich oder gut drauf und bloß kein Energieräuber  zu sein. Aber weißt du was? Das ist überhaupt nicht das Ziel. Und das ist eine der größten Lügen der New Age Spiritually/ Persönlichkeitsentwicklungsszene. Stichwort toxische Positivität.

Aber zurück zur Selbsthilfe. Selbsthilfe ist etwas, was die meisten von uns nicht gut können, es gar nicht brauchen oder was zu allem noch richtig gefährlich werden kann. Nämlich dann, wenn jemand denkt. dass seine Probleme weggehen, weil man zwei, drei oder fünftausend Selbsthilfe Bücher gelesen hat, wonach man ja nur ein paar Affirmation runter sagen muss, ein bisschen meditiert, nen bisschen innere Kind Arbeit macht, alles negative aus seinem leben verbannt und dann wirds was mit dem glücklich sein. Dann dazu noch ein paar oberflächliche Ratschläge von Instagram Gurus / Coaches aufgeschnappt hat, nur noch good vibes ausstrahlt obwohl man innerlich zerbricht und denkt, jetzt müsste es doch endlich was werden mit dem Glücklichsein, mit dem Erfolg, mit dem besser fühlen.

Selbsthilfe wird dich genauso wenig glücklich machen wie leere Kalendersprüche.

Wahrheit ist: Davon wird es nicht besser. Manchmal sogar  schlimmer. Innere Kind arbeit alleine zu machen kann Gräben aufreißen, die man alleine nicht mehr überwinden kann. Positive vibes only machts nicht besser, sondern redet  deine echten Emotionen klein. Bis es irgendwann platzt. Dinge werden nicht besser weil du plötzlich versuchst alles positiv und als lehre zu sehen. Deine validen negativen Emotionen sind trotzdem noch da, bloß werden Sie unterdrückt.

Und alle, die was anderes behaupten hatten entweder keine richtigen Probleme, hatten eine gute Kindheit und sind super gefestigte Wesen….was die aller wenigsten Menschen sind….und alle anderen machen sich selbst und anderen etwas vor. Richtig gefährlich wird es dann, wenn jemand wirklich Probleme oder sogar eine psychische Krankheit hat, wie z.B an einer Depressionen leidet, Menschen mit Angststörungen. All dies sind valide Lagen, die so häufig vorkommen, die extrem beeinträchtigen und einer vernünftigen Therapie bedürfen.

Und hier kommt self-empowerment ins Spiel. Self-empowerment oder auch Selbstermächtigung heißt, die Vogelperspektive einzunehmen und daraus qualifiziert Entscheidungen für sich treffen kann. Sprich auch zu erkennen, was (und wie) man alleine bearbeiten kann und wo man Unterstützung braucht. Self-empowerment heißt, drüber nachzudenken, was man online ließt und ob das wirklich das richtige für einen ist. Self-empowerment heißt auch, anzunehmen, dass niemals alles immer nice & shiny sein kann, sondern dass die tiefen Täler dazugehören und eben hier, im besten Fall mit professioneller (psychologischer) Unterstützung, Strategien zu entwickeln, wie man durch die Täler wandert ohne in ein schlimmes Gewitter zu kommen.

Jeder sollte immer eine Psychotherapie machen – wenn es sich richtig an fühlt.

Ich sage hiermit übrigens nicht, dass alle Coaches (und Gurus) schlecht sind und das nur studierte Psychologen & Psychotherapeuten einen unterstützen können. Es gibt gute Coaches und schlechte Therapeuten. Genauso aber auch andersherum. Und genauso kann ein Coach manchmal nicht reichen. Und auch ein Buch reicht manchmal nicht. Manchmal braucht es eine Therapie.

Ganz ehrlich? Eigentlich sollte jeder einzelne von uns immer das Anrecht auf eine Psychotherapie haben. Und diese auch nutzen. Leider hat das immer noch diesen Beigeschmack von „mit mir stimmt was nicht“. Wir wollen doch alle glücklich sein und dann sehen wir da diese toxisch positiven Menschen auf Instagram und fragen uns, warum wir nicht auch so befreit und glücklich sind. Aber sie sind es nicht. Sie tun so. Wenn du bei diesen Menschen unter die fancy Fußmatte schaust liegt da genauso viel Dreck wie bei dir und jedem anderem.

Wir alle haben Probleme. Schicksale. Wir alle heulen (mal mehr und mal weniger und mal sollten wir es mehr). Wir alle schleppen Steine mit uns herum, die vielleicht nicht mal unbedingt von uns kommen sondern aus Generationen davor. Wir werden auch nie ganz heilen und nie mehr getriggert werden. Das ist auch nicht das Ziel, sondern die Wunden, Probleme, Schicksalsschläge (ich nennen sie mal gesammelt Steine) – diese Steine anzuerkennen, und sich nicht von ihnen erschlagen zu lassen.

Wir können lernen, die Steine aus unserem Rucksack zu nehmen, sie zu betrachten und entweder packen wir sie in den Rucksack zurück und lernen, wie man den Rucksack besser trägt, dass er einen nicht mehr so belastet oder wir nehmen sie heraus und bringen sie an unserem Teich im Garten des Lebens und schenken ihnen dort einen Platz. Nicht weg, aber nicht immer omnipräsent.

Die meisten Selbsthilfe-Bücher, Gurus und Coaches bieten da im Kern durchaus auch tolle Impulse; Dinge wie Mediation, Yoga, und eine positive Einstellung sind natürlich förderlich, aber sie sind kein Allheilmittel. Und schon gar nicht für Depressionen. Das Ding ist nämlich auch. dass das gelesene und gelernte dann alleine durchzuziehen so viel Kraft, Mut, innerliche Ressourcen erfordert, die man manchmal, oder sogar sehr oft,  einfach nicht hat und man macht sich dann innerlich Vorwürfe.

No Guru.

Deshalb, self-empowerment statt Guru. Ein Guru lehrt einem den spirituellen Weg hin zu Erlösung und Erleuchtung.  Leider wird das viel zu oft  als dogmatisches Tool für vermeintliche Heilung genutzt. Deshalb bin ich nicht dein Guru. Ich glaube nicht, dass wir hier sind  um Erleuchtung oder Erlösung zu finden sondern um uns zu erfahren. Mit allem, was dazu gehört.  Auch den Herausforderungen, dem Schwierigen. Wir sind physische Wesen auf dieser Erde und keine göttlichen erleuchteten Wesen.

Und es ist eine solche Bereicherung den Weg gemeinsam zu gehen als belehrt zu werden. Einen Sparringspartner zu haben, der nen Plan hat, und einem mit den richtigen Fragen in die Selbstermächtigung bringt und einen so bekräftigt, eigene kraftvolle Entscheidungen zu treffen, um so ein Leben zu führen was nicht immer happy und shiny ist sondern es einfach zu genießen ohne etwas zu verkörpern, was uns gar nicht entspricht.

So ist es auch mit diesem Beitrag. Er wird dir einen Impuls geben. Vielleicht  hilft er dir, klarer auf manche Dinge zu schauen. Vielleicht hilft er dir, Dinge kritischer zu betrachten. Und wenn du kannst, dann lass aus dem Impuls eine Aktion werden. Vielleicht brauchst du aber noch mehr Impulse. Vielleicht bist du noch nicht bereit. Auch das darf sein. Self-care. Du weißt, was richtig für dich ist. Ganz tief in dir drin gibt es da ein Gefühl, eine leise Stimme die darfst du wieder lernen zu hören. Und am besten nicht auf Mindfucker 1,2 und 3. Die haben meist viel zu sagen, aber hilfreich ist es nicht. Nur kann es manchmal richtig schwer sein, denen nicht zuzuhören, Hier kann ein „Franser“ helfen.

Also mach dich nicht verrückt, wir alle haben diesen inneren Mindfucker Stammtisch, und was die sagen geht manchmal so tief rein, dass es uns einfach ewig beschäftigt. Das ist normal. DU bist „normal“. Du bist richtig. Auch wenn du dir Unterstützung suchst. Genau genommen bist du dann sogar richtig richtig stark.

Und ich bin nicht dein Guru.  Niemand ist dein Guru.

xoxo Charlotte